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Dorflinde, rechts die Kirche: erster Haltepunkt

Am 17. April 1945 besetzen englische Soldaten Amelinghausen

Vor 80 Jahren

Seit Beginn  des 2. Weltkrieges am 1. September 1939 bis  Anfang 1942 hat es in Amelinghausen keine feindlichen Berührungen gegeben. Das sollte sich  im Juni 1942 ändern, als die Engländer die Salpeterfabrik in Embsen bombardieren wollten. Sie konnten die gut getarnten Werksgebäude nicht finden und haben alle Bomben  z.T. ziellos in der Umgebung abgeworfen.

Um weitere Angriffe abwehren zu können, wurde  auf dem Schlangenberg (Pavillionsberg) eine Vierlings-Flak aufgestellt, die aber selten zum Einsatz kam. Im April 1945 beherrschten die englischen Flieger den Himmel. Die deutsche Luftabwehr funktionierte nicht mehr. 
Es war auch abzusehen, dass die Engländer bald in Amelinghausen sein würden.  Die 7. Englische Panzerdivision hatte am 15. April  das Konzentrationslager Bergen/Belsen befreit und marschierte sofort weiter in Richtung Elbe.
Die meisten von den vielen in Amelinghausen einquartierten  deutschen Soldaten hatten Gott sei Dank schon das Weite  gesucht. Die Volksfront  sollte mit der indoktrinierten Hitlerjugend  Amelinghausen verteidigen. Das war eine reine Illusion, denn es gab zwar die Vierlings-Flak und auch 200 Panzerfäuste, aber nur fünf Gewehre mit wenig Munition.

Es gab immer noch überzeugte Nazis, die an den sognannten Endsieg glaubten. 
Am 17. April  kamen  die Engländer mit ihren Panzern  von Diersbüttel nach Amelinghausen und konnten unser Dorf  kampflos einnehmen. Die gesprengte Lopaubrücke  war kein Hindernis. Die Lopau ist dort ohnehin schmal und sehr flach. Es gab nur noch wenige versprengte deutsche Soldaten, die sich  in Richtung Etzen aus dem Staub machten und  auch keinen Widerstand leisten konnten. Die Engländer, die sich mit ihren Panzerspähwagen  bis zur Kirche vorgewagt hatten, gaben noch einige Warnschüsse ab, die aber Gott sei Dank nicht erwidert  wurden.
Es gibt meiner Meinung nach drei wichtige Gründe, warum  die Engländer unser Dorf  kampflos einnehmen konnten. Zunächst war es der Landwirt Karl Klare (heute Hof Hommel) am Anfang des Dorfes in der Uelzener Straße, der mit einer weißen Fahne auf die englischen Fahrzeuge zuging und zu verstehen gab, dass es keinen Widerstand seitens der deutschen Soldaten gäbe. Die Panzerspähwagen konnten sich bis zur Kirche vorwagen. Der zweite Grund – und das ist meiner Meinung der wichtigste – ist, dass Frau Oswald aus Hamburg, die zu der Zeit bei Uhrmacher Bullermann im Vogteiweg 2 wohnte, sofort mit einem weißen Tuch zu den englischen Soldaten ging und mit ihren sehr guten Englischkenntnissen der Besatzung vom Panzerspähwagen  zu  verstehen geben konnte, dass die deutschen Soldaten aus dem Dorf raus  wären.  Und dann der  dritte Grund:  die Vierlings-Flak auf dem Schlangenberg war weg und konnte nicht mehr vom Volksturm eingesetzt werden. Es ist nicht überliefert, ob es die abziehenden Wehrmachtsoldaten waren.  Ich bin der Meinung, dass der Fuhrunternehmer Adolf Burmeister sie heimlich mit seiner Zugmaschine  weggeschafft hat. Er hat bestimmt seinen Schwager und Ortsgruppenleiter Gustav Exner  überreden können, dass die Flak  vor dem Angriff der Engländer weggeschafft werden müsste. Wäre die Flak zum Einsatz gekommen, hätten die Engländer unser Dorf dem Erdboden gleich gemacht. 
Die Lopaubrücke in Sottorf an der B209 war mit einer Panzersperre versehen und blieb erhalten, weil angeblich ein Befehl zur Sprengung nicht mehr rechtzeitig gegeben werden konnte. Es wird  auch gesagt, dass der Tischlermeister Anton Rörup aus Sottorf den Volkssturm in letzter Minute noch von der Sprengung  abhalten konnte.
In der Oldendorfer Straße stoppten die englischen Militärfahrzeuge und nahmen  die Luhebrücke, die mit einer  Panzersperre versehen war, unter Beschuss. Am darauffolgenden Tag – morgens um halb acht – ging die Brücke durch einen Zeitzünder in die Luft. 
Der Ortsgruppenleiter in Sottorf - Otto Diersen – war der erste, der sein weißes Bettlaken zweckentfremdet hat und die Engländer mit Handschlag begrüßte. Was für eine Wende für ein hartgesottenes NS-Parteimitglied! Bei ihm hatten die Engländer in der Spitze eines Erkers im Nebengebäude ein großes Hakenkreuz gesehen und ihn aufgefordert, es sofort zu beseitigen; andernfalls würde das Gebäude beschossen. (Aussage von Siegfried Heger)
Auch in Sottorf konnte  mit den englischen Soldaten schnell Kontakt aufgenommen werden. Hier war es Frau Niemann, eine ausgebombte Hamburgerin, die fließend Englisch sprach.
In den ersten Tagen der englischen Besetzung wurden die Häuser durchsucht, wobei auch hier und da eine Uhr oder ein Fotoapparat brutal entwendet wurde. Im Nachhinein gesehen war es eher die Ausnahme. Sämtliche Waffen mussten abgegeben werden und wurden auf dem heutigen Parkplatz zur Kronsbergheide vernichtet. So manche Jagdwaffe – inklusive Munition - wurde im Wald versteckt. In vielen Häusern wurden englische Soldaten einquartiert. Manchmal hatten die Hausbesitzer für die Räumung nur zwei bis drei Stunden Zeit. Die Offiziere haben sich die besten Häuser ausgesucht.  
Gustav Exner wurde festgenommen und für gut ein Jahr inhaftiert. Lehrer Paul Hose wurde kurzfristig inhaftiert und durfte  aber erst Ende 1949  wieder als Lehrer tätig sein. 
Für die „Jungens“  war die Zeit nach Kriegsende eine interessante Zeit: Es gab bei den Engländern  und ihren Fahrzeugen viel zu sehen – auch  Kaugummi und Zigaretten gab es manchmal  - und man hatte bis Herbst 1945 schulfrei.
Nur zwei Gebäude sind durch einen Luftangriff zerstört worden. Am 15. April hat ein englisches Flugzeug die Sottorfer Kirche  und ein dahinter liegendes Gebäude von Bauer Petersen beschossen. Das Hofgebäude wurde durch das Feuer völlig zerstört.