
Die Sottorfer Schiffswerft im Lopautal
Eine Schiffswerft im Lopautal? Das kann doch nicht wahr sein! Die Lopau ist doch ein ganz kleiner Bach, auf dem man nur mit einem Paddelboot fahren kann, aber doch nicht mit einem großen Segelboot? So werden viele Leser spontan reagieren, nachdem sie die Überschrift gelesen haben.
In den Jahren 1948/49 hat es aber wirklich eine Schiffswerft „An der Lopau Nr. 2“ in Sottorf gegeben. Vier junge Männer aus Sottorf (Kfz-Mechaniker Paul-Hermann Vick, Zimmermann Erwin Vick, Elektriker Horst Schöndube und Hochfrequenztechniker Kurt Geers) haben sich innerhalb von zwei Jahren ein neun Meter langes Segelboot gebaut, mit dem sie sich ihren großen Traum erfüllen wollten: auswandern nach Südafrika. Sie erhofften sich dort gute berufliche Chancen und ein besseres Leben als im wirtschaftlich am Boden liegenden Nachkriegs-Deutschland.
Beschreibung des Segelbootes
Länge: 9 m
Breite: 2,60 m
Segelmasthöhe: 11 m
Schlafkojen: 4
Küche: ohne Herd
Baumaterial: Tannenholz, Metall und Beton
Takelage: Fallschirme aus Wehrmachtsbeständen
Alle vier „Bootsbauer“ waren im Beruf und konnten nur abends nach Feierabend auf ihrer „Werft“ arbeiten. Immer wieder mussten Ruhepausen eingelegt werden, da es am notwendigen Material fehlte. Mühsam musste heran geschafft bzw. besorgt werden, was man für das Boot brauchte. Erwin, der als Zimmerman bei Karl Heger in Sottorf arbeitete, konnte über seinen großzügigen und verständnisvollen Chef das notwendige Holz für die Schiffsbeplankung (Bretter aus Tannenholz) bekommen. Beim Eisen, das man für den Schiffsrumpf und den Schiffskiel brauchte, gab es große Schwierigkeiten. Aber irgendwie konnte man alte Elektromotoren ergattern und den Kupferdraht als begehrtes Tauschmittel benutzen. Der Schiffskiel wog eine Tonne und bestand aus Beton, das mit Eisen bewehrt und mit dem Schiffsrumpf und der darauf befindlichen Beplankung verbunden war. Die Segel hat Lydia Vick auf ihrer alten Nähmaschine genäht.
Im Herbst 1949 war es dann soweit, dass die Reise nach „Südafrika“ losgehen konnte. Fa. Heger stellte einen Lastwagen zur Verfügung, mit dem das Schiff nach Hohnsdorf transportiert wurde. Dort erfolgte der „Stapellauf“. Da lag das Segelboot zunächst einige Wochen auf Rede. Sicherlich musste man sich seelisch, moralisch und auch segeltechnisch auf die große Reise vorbereiten, denn keiner von den Dreien hatte die erforderlichen nautischen Kenntnisse: weder hatten sie einen Segelschein noch ein Schiffspatent. Alles ging nach dem Motto: „learning by doing“.
Auch wenn Paul-Hermann durch seine vielen Beziehungen alle erforderlichen Seekarten ergattert hatte, musste man auch in der Lage sein, sie richtig lesen zu können. Ein großer Teil der Seekarten stammte von bombardierten Schiffen im Hamburger Hafen. An zerstörtem Kriegsmaterial mangelte es nach dem 8. Mai 1945 nicht. Wer den entsprechenden Mut hatte und es verstand, sich nicht erwischen zu lassen, bekam auch das, was er brauchte.
Schließlich war es soweit, dass die große Reise losgehen konnte. Kurt Geers hatte man inzwischen aus der Crew rausgeschmissen, da er sich nicht kooperativ verhalten hatte. Nun waren alle Fähigkeiten gefordert, denn die „Sottorfer Jungs“ waren auf sich allein gestellt und mussten das Kreuzen auf der Elbe erst einmal lernen. Kurz vor den Hamburger Elbbrücken wurde eine mehrtägige Pause eingelegt. Hier lernten sie die Kraft des Wassers kennen; denn als die Flut aufkam, stand ihr Schiff plötzlich quer und das Wasser schwappte am Schiffsrumpf hoch. Das Schiff blieb aber trocken. Nach einer kurzen Verschnaufpause ging die Reise ohne Hindernisse weiter: vorbei an den großen Schiffen im Hamburger Hafen in Richtung Elbmündung. Inzwischen hatte man das Kreuzen auf der Elbe einigermaßen im Griff und näherte sich allmählich der Nordsee. Doch dann kam das, womit man nicht gerechnet hatte: die unterschiedlichen Wassertiefen bei Ebbe und Flut. Die Auswirkungen der Gezeiten kannten die „Sottorfer Jungs“ nicht. Das Segelschiff hatte plötzlich keine Handbreit Wasser mehr unter dem Kiel und saß plötzlich auf einer Sandbank fest. Wenn die großen Schiffe an ihnen vorbeifuhren, konnten sie nur noch laut singen: „Nimm mich mit Kapitän auf die Reise“.
Es kam die Wasserpolizei, beschlagnahmte das Schiff und zog es in den Hafen von Cuxhaven. Das war auch das Ende vom großen „Traum Südafrika“. Wenn das Schiff nicht auf Grund gelaufen wäre, hätten die „Sottorfer Jungs“, wenn sie immer unter Land gesegelt wären, durchaus nach einigen Monaten ihr Ziel erreicht. Den Golf von Biscaja hätten sie aber nicht überqueren dürfen, denn so seetüchtig war das Segelschiff doch nicht. Paul-Hermann Vick ist der einzige von der Crew, der 1954 ausgewandert ist: er lebte bis zu seinem Lebensende in Australien, ohne seine alte Heimat noch einmal zu besuchen.