
Bäckerstraße
Wo ist der herzhafte Brotgeruch geblieben?
Wer heute in der Bäckerstraße Brot und Brötchen kaufen möchte, muss mit einem leeren Brotkorb wieder nach Hause gehen. Die beiden ehemaligen Bäckereien Liesmann und Worthmann gibt es hier nicht mehr.
Als nach 1960 infolge der großen Bautätigkeit für die Straßen im Dorf Namen eingeführt wurden, lag es nahe, die Straße hinter dem Pastorat Bäckerstraße zu nennen. Die Straße ist schon im Dorfplan, der nach dem Großen Brand von 1818 angefertigt worden war, verzeichnet. Zu der Zeit gab es hier aber noch keinen Bäcker.
Amelinghausen war gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein aufstrebendes Dorf mit viel Kleingewerbe, so dass eine Nachfrage an Brot und anderen Backwaren vorhanden war. Viele Familien - auch die kleinen Bauern - wollten sich nicht mehr mit dem Brotbacken abplagen. So lag es nahe, sich in diesem Beruf selbständig zu machen.
Die Bäckerei Liesmann ist die ältere von beiden. Johann Peter Liesmann, der aus Rolfsen stammt, hat 1856 die Tochter des Halbhöfners und Gastwirts Becker (heutiges Rathaus) geheiratet. Durch die Brautmutter, eine geborene Otte, konnte er die Pfarrkote – heute Bäckerstraße Nr. 3 - mit seiner Frau übernehmen.
Die Ottes waren Kätner (die Kirche war ihr „Lehnsherr“) und nebenberuflich Leineweber. Johann Peter Liesman ging aber einen anderen Weg, er baute 1875 als Nebenerwerb eine Bäckerei auf.
Jan Hinnerk Worthmann, der aus Behningen bei Neuenkirchen stammt, kam um 1850 nach Amelinghausen und war Schäfer und Landbriefträger. Er wohnte zunächst bei dem Sägereiunternehmer Heger in Amelinghausen. Er muss als Schäfer wirtschaftlich erfolgreich gewesen sein, denn vor 1900 kaufte er von dem Anbauern und Drechsler Schröder eine alte Strohdachkate mit einem großen Garten am Ende der heutigen Bäckerstraße. Das Anwesen ist im Dorfplan von 1818 als „Krögers Haus“ vermerkt,
Worthmanns haben 1898 neben dem alten Haus ein neues gebaut und sich als Bäcker selbständig gemacht. Wenige Jahre später konnten sie für eine bessere Selbstversorgung Land bzw. Heideflächen dazu kaufen. Das Backhaus befand sich zu dieser Zeit in einem Nebengebäude. Das alte Strohdachhaus wurde in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts abgerissen. Nach dem 2. Weltkrieg hat es für mehrere Flüchtlingsfamilien als Notunterkunft gedient.
Mit dem aufstrebenden Wohlstand nach 1945 hat sich die Bäckerei zum Haupterwerbszweig entwickelt; die Landwirtschaft wurde von beiden Bäckern aufgegeben. Um die Backwaren besser vermarkten zu können, haben Liesmanns Mitte der 1950er Jahre gegenüber vom Bahnhof - damals noch Sottorf – einen Verkaufsladen mit einem Café errichtet; es wurde aber weiterhin - bis zur Betriebsaufgabe in 2000 - in der Bäckerstraße gebacken.
Ungefähr zur gleichen Zeit konnte die Familie Worthmann das Grundstück von Hermann Kaiser in der Lüneburger Straße erwerben. Ein Neubau wurde errichtet und die Bäckerei von der Bäckerstraße hierher verlegt. Backstube, Verkaufsladen mit einem Café waren nun zentral im Ort angesiedelt (der heutige Salzbäcker).
Bis 1945 betrug das Gewicht der Roggenbrote in der Regel sechs Pfund. Durch die veränderten Essgewohnheiten wurden die Brote immer kleiner, und zu den traditionellen Roggenbroten aus Sauerteig kamen andere Brotmischungen dazu. Das Brot war nun nicht mehr ein Hauptnahrungsmittel. Das Roggenmehl kam ausschließlich von den umliegenden Wassermühlen. Der Teig für das Roggenbrot wurde mit Sauerteig angesäuert und vier bis fünf Stunden in Ruhe gelassen. Durch diesen Prozess konnte der Brotteig den typischen Geschmack eines handwerklich hergestellten Roggenbrotes entwickeln. Diese Ruhezeit für den Brotteig gibt es aus zeitsparenden Gründen in den heutigen Großbäckereien nicht mehr.
Ich erinnere mich noch gern an die Zeit, als beide Bäcker in der Bäckerstraße mit Backstube und dem kleinen Verkaufsladen unter einem Dach ansässig waren. Der Backgeruch hat den Appetit auf das schmackhafte Brot so stark angeregt, dass das Brot, als man zu Hause ankam, am Ende ein tiefes Loch hatte. Der Kommentar meiner Mutter: „Hat der Bäcker Mäuse?“
Nicht zuletzt muss noch das schmackhafte Schwarzbrot erwähnt werden, das aus Roggenmehl mit einem kleinen Zusatz von dunklem Sirup angerührt wurde. Da dieser Teig sehr geschmeidig war, kam er in kastenförmige Brotformen. Das Schwarzbrot hatte immer ein Gewicht von 1 ½ kg, also drei Pfund.
Bis Mitte der 1950er Jahre sind beide Bäcker noch mit Pferd und Wagen über die Dörfer gefahren und haben ihre Backwaren direkt zum Verbraucher gebracht. Amelinghausen und Sottorf wurden von beiden zweimal in der Woche an verschieden Tag versorgt. Die umliegenden Dörfer einmal in der Woche, wobei beide Bäcker sich die Touren aufgeteilt haben. Dieser Service wurde 1955 motorisiert. Bäcker Jürgen Liesmann hat diesen Service noch bis zur Betriebsaufgabe in 2000 geliefert.